Medialer Alarmismus rund um den Wels: Das „Monster“ des Gardasees

17 March 2026

 

Seit Jahren bombardieren lokale und nationale Medien die Leser mit alarmierenden Schlagzeilen: „Alarm: Welse im Gardasee“, „Der Wels räumt mit den Fischbeständen auf“, „Dutzende Exemplare gefilmt, er steht an der Spitze der Nahrungskette“. Videos von riesigen Welsen (Silurus glanis), die gefangen wurden oder tot treiben, Interviews mit verzweifelten Fischern, Aufrufe zu speziellen „Welsfangnetzen“. Es ist von einer Krise der Berufsfischerei die Rede (Felchenfang von 56.000 auf 12.000 kg in wenigen Jahren gesunken), von einem Raubtier ohne Feinde, von einer irreversiblen Bedrohung für das Ökosystem. In den Jahren 2025–2026 ist der Tenor konstant: Der Wels ist Staatsfeind Nummer eins des Gardasees.

Der Wels ist zweifellos ein äußerst effektiver Räuber, der kontrolliert werden sollte, doch lassen wir uns einen Schritt zurücktreten und die wissenschaftlichen Daten betrachten, nicht die Klickzahlen. Der Gardasee beherbergt heute zwischen 42 und 45 gebietsfremde Arten (laut Studien der Universität Trient und regionalen Berichten), darunter Fische, Wirbellose, Pflanzen und Algen. Der Wels ist sicherlich einer der am weitesten verbreiteten nicht heimischen Fische und hat einen erheblichen Einfluss auf wirtschaftlich wichtige Fischarten, gehört jedoch laut Experten, die den See seit Jahrzehnten untersuchen, nicht einmal zu den invasivsten Arten.

Der wahre „stille Killer“, der seit über dreißig Jahren präsent ist und zu den 100 gefährlichsten invasiven Arten weltweit zählt (DAISIE und IUCN), ist der Rote Sumpfkrebs aus Louisiana (Procambarus clarkii). Dieses Krebstier, das in der EU-Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung (Verordnung EU 1143/2014) aufgeführt ist, ist ein äußerst gefräßiger Generalist: Es frisst alles (Wirbellose, Pflanzen, Fischeier, Detritus), gräbt Gänge, die Ufer destabilisieren, verbreitet die Krebspest (Aphanomyces astaci), die bereits einheimische Krebsbestände ausgelöscht hat, und vermehrt sich in beeindruckendem Tempo. Besonders im südlichen Teil des Sees ist es weit verbreitet, wo es sehr hohe Dichten erreicht.

Und doch, als im September 2024 Hunderte dieser roten Krebse durch eine Sturmwelle zwischen Desenzano, Padenghe und Moniga an Land gespült wurden, wurde die Nachricht in wenigen Zeilen abgehandelt: „Invasion fremder Krebse an den Stränden, aber der WWF beruhigt: nichts Neues, seit Jahrzehnten bekannt.“ Keine großen Schlagzeilen, keine Berichte zur Hauptsendezeit, kein spezieller regionaler Notfallplan.

Warum dieser Unterschied? Ganz einfach: Der Wels ist fotogen. Er ist groß, furchteinflößend, erinnert an das „Seemonster“. Ein zwei Meter langer, 80 Kilo schwerer Wels verkauft Zeitungen und bringt Klicks. Der Louisiana-Krebs hingegen ist klein, unansehnlich, „kriechend“: Er schreckt keine Touristen ab und vermittelt kein Bild unmittelbarer Gefahr für Badegäste oder Hunde (auch wenn der Wels oft ohne konkrete Beweise dafür verantwortlich gemacht wird). Das Ergebnis? Medialer Alarmismus rund um den Wels, nahezu völliges Schweigen über den Killerkrebs.

Die Wissenschaft hingegen lässt keinen Zweifel. In den maßgeblichsten Studien zum Gardasee (darunter die von Francesca Ciutti aus dem Jahr 2017) sind es gerade die Wirbellosen, die als „am invasivsten“ gelten: die Killergarnele Dikerogammarus villosus, die Asiatischen Körbchenmuscheln Corbicula, der Amerikanische Flusskrebs Orconectes limosus … und selbstverständlich Procambarus clarkii. Der Wels wird unter den verbreiteten Fischarten aufgeführt, gehört jedoch nicht zu den Hauptinvasoren. Dennoch konzentrieren sich regionale Pläne und öffentliche Gelder heute fast ausschließlich auf den Wels, während sich der Rote Sumpfkrebs ungehindert weiter ausbreitet, wobei natürliche Feinde (darunter gerade der Wels) nicht ausreichen, ihn zu kontrollieren.

Das Paradox ist offensichtlich: Man schürt Alarm über einen sichtbaren Räuber und ignoriert eine Art, die stillschweigend die Struktur des Sees verändert – indem sie gräbt, den Boden verändert, Krankheiten verbreitet und mit allen Lebewesen konkurriert.

Es ist an der Zeit, mit diesem „Wels-Medienalarmismus“ aufzuhören und das Problem wissenschaftlich ernsthaft anzugehen. Es braucht solide Überwachung, integrierte Maßnahmen zur Kontrolle aller gebietsfremden Arten (nicht nur derjenigen, die Aufmerksamkeit erzeugen), und eine korrekte Information der Öffentlichkeit. Der Gardasee braucht keine Schlagzeilenmonster – er braucht Wahrheit. Und die Wahrheit ist, dass der Louisiana-Krebs, seit Jahrzehnten eine der invasivsten Arten im Gardasee, endlich die Aufmerksamkeit verdient, die ihm bislang verwehrt wurde – bevor es auch für ihn zu spät ist.

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